Im Strom des Klangs. Zur Musik Michael Pelzels

von Markus Böggemann

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„Komponieren heißt: ein Instrument bauen“: Der Satz Helmut Lachenmanns erscheint wie gemünzt auf die Musik Michael Pelzels. Denn die Werke des Schweizer Komponisten führen häufig die Idee eines besonderen Klangkörpers mit sich, eines gleichsam imaginären Ensembles, das durch das real vorhandene dargestellt wird und ihm gelegentlich auch richtiggehend abgetrotzt werden muss. „...sentiers tortueux...“ beispielsweise, ein Ensemblestück für neun Musiker aus dem Jahr 2007, soll, so der Komponist, klanglich an ein ganzes „Gong-Orchester“ erinnern. Dazu werden die zwei (um einen Sechstelton gegeneinander verstimmten) Klaviere aufwendig präpariert, ebenso die drei Streichinstrumente. Zusammen mit einem enormen Arsenal von Schlaginstrumenten – Tempel-, Kuh- und Kirchenglocken, Becken, Gongs, Trompong, Steeldrums, aber auch eine Kalimba („Daumenklavier“) – ergibt sich so ein Klang, der überwältigend reich und vielgestaltig ist und die gewählte Besetzung geradezu transzendiert. Zugleich aber erscheint dieser Reichtum in einen Gesamtklang eingebunden, der seine Bestandteile überwölbt und verschmelzen lässt.

Dieses nur scheinbar paradoxe Ineinander von Differenziertheit und Homogenität ist ein zentraler Aspekt von Michael Pelzels kompositorischem Denken. Unter Hinweis auf die Faszinationskraft der monochromen Bilder Yves Kleins spricht er von einem „Amalgam-Klang“, den er in seinen Werken zu realisieren trachtet, einer farblichen Verschmelzung der Instrumente bei zugleich außerordentlicher Tiefenschärfe im Detail. Und ähnlich dem Schwindel, den das ebenso klare wie bodenlose Ultramarin des Malers im Betrachter auslöst und mit dem es ihn ins Bild zieht, entfaltet auch Michael Pelzels Musik eine Soghaftigkeit, auf die man sich hörend einlassen sollte. Pelzel selbst benutzt das Bild eines Flusses, der alles Mögliche mit sich führt; es aufgreifend, kann man sagen: Der Ort des idealen Hörers seiner Musik ist nicht am Ufer, sondern mitten im Strom.

„Sculture di suono“ (2014) für großes Ensemble ist ein solcher Strom. Das Werk, dessen Untertitel „in memoriam Giacinto Scelsi“ es zu einer Art Stele macht, zu einem Akt musikalischen Eingedenkens, nimmt zwar seinen Ausgang von der Klangwelt der Improvisationen Scelsis auf einem einfachen elektronischen Musikinstrument (der „Ondiola“ oder „Clavioline“), es imitiert sie aber nicht bloß. Vielmehr projiziert das Stück bestimmte Charakteristika dieser Klangwelt – das Körperlose, Nicht-Expressive, die orgelartige Homogenität, aber auch ihre mikrotonalen Reichtümer, ihre diversen Vibrati und Schwebungen – auf das große Ensemble. Dieses wird gleichsam zu einem überdimensionalen und vielfach erweiterten Nachbau von Scelsis Instrument, auf dem sich dann individuell spielen lässt, um eigene musikalische Ideen zu formulieren und auszuführen. Dazu zählen bei „Sculture di suono“ das wechselnde Verhältnis von Vorder- und Hintergrund, von prägnanter Motivgestalt und diffuser Umgebung, und die Interaktion verschiedener instrumentaler Schichten: Wie nach einigen Takten eine Figur im Englischhorn die opake Klangoberfläche durchstößt, von dieser wieder aufgesogen wird, gleichzeitig aber als individuelle Farbe fortan präsent bleibt, das ist berückend zu hören und macht höchst neugierig auf den Fortgang, da ja der Klangkörper, der diesen Gegensatz inszeniert, bereits ein Ergebnis kompositorischer Arbeit ist.

Reflexion auf den Klang und auf die Mittel seiner Hervorbringung erscheint als Maxime für die Musik Michael Pelzels auch dort, wo sie vermeintlich durch Tradition stabilisierte Gattungen aufgreift. „...vague écume des mers...“, sein Streichquartett aus dem Jahr 2013, verlässt sich nicht auf diese Tradition, es entwirft stattdessen mit seinem individuellen Klang auch den ihn hervorbringenden Klangkörper neu: Die vier Streichinstrumente agieren meist in einer Aufteilung in zwei Schichten, die sich verzahnen, gegeneinander laufen, einander ausweichen und wieder zusammenkommen. Für ihre Interaktionsformen ist dabei nicht zuletzt die Rezeption der aus der afrikanischen Musik herrührenden Interlocking-Technik ausschlaggebend, bei der rhythmische Patterns reißverschlussartig miteinander verschränkt werden.

Ein Instrument bauen, das heißt, den Klang nicht als etwas Gegebenes, sondern als etwas zu Entdeckendes, als Feld reflektierten kompositorischen Handelns zu begreifen. Die Musik Michael Pelzels führt das mit ästhetischer Überzeugungskraft, reflektiert und mit außergewöhnlicher Fantasie vor Ohren.