Sichtbare Klänge. Zur Musik von Simon Steen-Andersen

von Bernd Künzig

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Manch ein Besucher von Konzerten der Neuen Musik gesteht gern ein, dass er dieses Neue oft erst wirklich verstehen und genießen kann, wenn er sieht und nicht nur hört, wie es entsteht. Die Kontemplation, mit geschlossenen Augen Musik nur zu hören, scheint für diesen Typus des Konzertbesuchers dabei eher schwierig zu sein. Bei einem Komponisten wie Simon Steen-Andersen dürfte er durchaus auf seine Kosten kommen. Denn die Sichtbarkeit der Klänge spielt in seinem Werk eine entscheidende Rolle. Dabei nutzt er die sich ihm bietenden multimedialen Möglichkeiten reichlich, allerdings ohne in modisch Zeitgeistiges zu verfallen. Im Gegenteil könnte der Einbezug einer im Low-Tech angesiedelten Sichtbarkeit eher auf die Kindheitsgeschichte des 1976 Geborenen verweisen: der Joy-Stick aus der frühen Generation der Computerspiele ist ein wesentliches Spielinstrument seiner Musik, mit dem er als Performer in seiner Reihe Run Time Error sowohl die Bilder als auch die Klänge steuern kann. In dieser ortsspezifischen Serie, die oft in den Hinterräumen seiner Konzerte entsteht, wird von ihm selbst ein Parkour abgelaufen, auf dem vorgefundene Instrumente, Geräte, Gegenstände und Architekturelemente beklopft, gerüttelt und geschüttelt und von ihm gleichzeitig mit dem Mikrophon aufgenommen werden. Ein ihm dicht auf den Fersen folgender Kameraperformer dokumentiert diese Tour de force im Bild. Im Konzert selbst wird die Videoaufnahme doppelt projiziert und vom Komponistenperformer mit einem Joystick gesteuert, in dem die beiden Projektionen gegeneinander verlangsamt, beschleunigt, vorwärts und rückwärts abgespielt werden, um am Ende dennoch gleichzeitig im Finale zusammenzulaufen. Man könnte diese neue Form des audio-visuellen Komponierens im Sinne des ursprünglichen Wortes componere und mit einer Wortschöpfung des genialen Ausstellungsmachers Harald Szeemann definieren: „When attitudes become form“.

Wenngleich Simon Steen-Andersens Musik eigentlich nicht viel mit Pop zu tun hat, so prägt neben dem Geräuschhaften ein maßgeblicher Aspekt der Rock und Pop-Musik dennoch seine Klangsprache. Klänge können nicht nur sichtbar gemacht werden, sondern ein wesentliches Merkmal ihrer Entstehung sind ihre Physikalität und Körperlichkeit, nach Aussage des Komponisten: „Ich sage eigentlich immer zu den Musikern, arrangiere Dich so, dass man möglichst sehen kann, was Du machst. Ich finde es immer interessant zu sehen, was die Leute machen oder wie ein Klang entsteht.“

Auf den ersten, oberflächlichen Blick scheint dies banal zu sein. Doch Simon Steen-Andersen ist alles andere als ein Bebilderer oder Illustrator von Klängen. Mit seinen Kompositionen betreibt er oft auch ein Verwirrspiel, bei dem sich nicht mehr ganz genau differenzieren lässt, ob das, was wir sehen, das akustische Ereignis erzeugt und bestimmt oder umgekehrt. In Black Box Music (2012) werden dergestalt dirigentische Gesten in einer Art Puppentheaterbühne ausgeführt. Den Schlagzeuger, der diese Gesten ausführt, bekommen weder die davor spielenden Musiker noch die Zuschauer ganzkörperlich zu sehen. Er bleibt reduziert auf seine Hände, die nicht nur dirigieren, sondern im geschlossenen Kasten zusätzlich allerhand Dinge – den Puppentheatervorhang, Gummizüge, Luftschlangen und anderes Gerät – zu bedienen haben, bis hin zum surrealen Slapstick. Einblick erhält man in diesen Kasten nur durch die überdimensionale Videoprojektion mithilfe einer Miniaturkamera, so dass das Ganze wie eine Guckkastenbühne oder ein Zauberkasten erscheint. Für den Zuschauer und Hörer bleibt jedenfalls offen, ob die darin stattfindenden Gesten und Ereignisse nun die Musiker steuern oder ob sie eine Choreografie des Klangverlaufs darstellen. Dem Ganzen bleibt etwas Unheimliches eingeschrieben, denn im Grunde ist dieser Zusammenhang von Bild und Klang auch ein Ungeheuerlicher. Eine gleichzeitige Dekonstruktion des Dirigierens und des Puppentheaters, also des Kreatürlichen und Mechanischen, hat Steen-Andersen fast in der Konsequenz von E.T.A. Hoffmanns Erzählung Der Sandmann diesen Ansatz bezeichnet.

In seiner Serie Self-reflecting Net To Beside Besides erzeugt er labyrinthische Verschachtelungen von Bild und Klang, wie im Prinzip von der Puppe in der Puppe. Die Serie geht zunächst auf ein Ensemblestück mit dem Titel Besides zurück, dessen Schlussstück Beside Besides heißt. Die daraus abgeleitete Reihe Next to Beside Besides greift Bewegungsabläufe, wie das auf- und abwärtsgleitende Glissando auf. Die Instrumentalbesetzung wechselt, Form, Gestalt und klanglicher Ablauf bleiben für die Stücke aber gleich. Im Kern dieses Labyrinths, in Self-reflecting Next to Beside Besides, spielen die Instrumentalisten schließlich mit  dem gleichzeitig projizierten Videobild ihres eigenen Spiels. Was so entsteht sind Duette, Trios oder Quartette mit Phantomen. Die akustischen und visuellen Spiegelungen dieser Selbstreflexionen bilden ein Labyrinth, dessen Entfaltungsmöglichkeiten schier unbegrenzt scheinen, trotz der strengen Konzeption seiner Anlage.

Als eine großformatige, konzertante Synthese kann man das 2014 entstandene Piano concerto ansehen. Der zu Beginn als Präludium projizierte Videofilm eines Flügelsturzes in slow-slow-motion ist lediglich der Ausgangspunkt für den „Bau“ und die „Brechung“ eines klassischen Instrumentes, das schließlich selbst gebrochene Klänge hervorbringt. Das Gebrochene erscheint in diesem Konzert phantomartig als Videoprojektion des Pianisten, der nicht nur den intakten Konzertflügel live spielt, sondern sein eigenes, zuvor in Ton und Bild  aufgezeichnetes Spiel am zerbrochenen Instrument per Sampler steuert und rhythmisiert. Was so entsteht ist ein Orchesterstück mit zwei Klaviersolisten, intakt und gebrochen, perfekt und imperfekt, real und surreal, mit diversen Anleihen in der Musikgeschichte von der romantischen Virtuosität bis zum Ragtime. Von der „Schönheit des Imperfekten“ spricht Steen-Andersen dabei und realisiert doch ein Grundprinzip, das Helmut Lachenmann einmal benannt hat: Komponieren bedeutet, ein Instrument bauen.