Wolfgang Rihm

Wolfgang Rihm ist einer der fruchtbarsten und vielseitigsten Komponisten der Gegenwart. Mit unerschöpflicher Phantasie, vitaler Schaffenslust und scharfer Selbstreflexion hat er ein an Facetten reiches Œuvre geschaffen, das schon heute über vierhundert Kompositionen aus allen musikalischen Gattungen umfasst. In Rihms Musik manifestiert sich der Glaube an die unzerstörbare Existenz des schöpferischen Individuums, das seine Kraft und Würde gegen alle äußeren Gefährdungen zu behaupten vermag.

Als vielseitig gebildeter Musiker pflegt er einen intensiven Dialog mit den anderen Künsten. Gleichwohl hat er sich nie in den Elfenbeinturm zurückgezogen. Sein präzises, von philosophischen Fragen geleitetes Nachdenken über Probleme des künstlerischen Schaffens hat literarisches Niveau und öffnet dem Zuhörer und Leser weite Horizonte.

I. Initial

Omnis caro faenum et omnis gloria
eius quasi flos agri
exsiccatum est faenum et cecidit flos
quia spiritus … sufflavit in eo
vere faenum est populus

Vulgata, Isaias 40, 6–7

II.

Requiem aeternam dona eis Domine
et lux perpetua luceat eis

​(Missa pro defunctis)

Der Tod ist groß.
Wir sind die Seinen
lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.

Rainer Maria Rilke,
Schlußstück aus Das Buch der Bilder

Über dir
in der Tage Gezweig hängt er.
Er hüllt sich mit Duft und mit Säften.
Du wirst ihm nicht wehren.

Einmal, als eine Frucht,
reif,
wird er dich nähren.

Johannes Bobrowski,
Der Tod

III. Kyrie

Kyrie eleison
Christe eleison
Kyrie eleison

​(Missa pro defunctis)

IV. Sonett I

Des Todes sicher, nicht der Stunde, wann,
Das Leben kurz, und wenig komm ich weiter;
Den Sinnen zwar scheint diese Wohnung heiter,

Der Seele nicht, sie bittet mich: stirb an.
Die Welt ist blind, auch Beispiel kam empor,
Dem bessere Gebräuche unterlagen;
Das Licht verlosch und mit ihm alles Wagen;
Das Falsche frohlockt, Wahrheit dringt nicht vor.

Ach, wann, Herr, gibst du das, was die erhoffen,
Die dir vertraun? Mehr Zögern ist verderblich,
Es knickt die Hoffnung, macht die Seele sterblich.

Was hast du ihnen soviel Licht verheißen,
Wenn doch der Tod kommt, um sie hinzureißen
In jenem Stand, in dem er sie betroffen.

Michelangelo Buonarroti, 
aus 42 Sonette in der Übertragung von Rilke 

V.a Psalm

(Anfang)
[Textteile aus beiden
Versionen verwendet]

129 canticum graduum
De profundis clamavi ad te Domine
Domine exaudi vocem meam fiant aures tuae 
intendentes in vocem deprecationis meae
si iniquitates observabis Domine Domine quis sustinebit
quia apud te propitiatio est propter legem tuam sustinui 
te Domine sustinuit anima mea in verbum eius 
speravit anima mea in Domino
a custodia matutina usque ad noctem speret Israhel in Domino
quia apud Dominum misericordia et copiosa apud eum redemptio
et ipse redimet Israhel ex omnibus iniquitatibus eius

129 canticum graduum
De profundis clamavi ad te Domine
Domine exaudi vocem meam fiant aures tuae 
intendentes ad vocem deprecationis meae
si iniquitates observabis Domine Domine quis sustinebit
quia tecum est propitiatio cum terribilis sis sustinui Dominum 
sustinuit anima mea et verbum eius expectavi 
anima mea ad Dominum 
a vigilia matutina usque ad vigiliam matutinam expectet Israhel Dominum 
quia apud Dominum misericordia et multa apud eum redemptio
et ipse redimet Israhel ex omnibus iniquitatibus eius

Vulgata, Psalm 129

VI. Sonett II

Von Sünden voll, mit Jahren überladen,
Verwurzelt in des tristen Brauches Boden,
Seh ich mich nahe neben beiden Toden
Und nähre doch mein Herz mit giftigem Schaden.

Eigene Kräfte hab ich nicht genügend,
Zu ändern Leben, Liebe, Los und Sitte,
Ohne den Wink, der, nicht aus unsrer Mitte,
Herüberwirkt, uns leitend und uns rügend.

Das reicht nicht aus, daß du mir Lust gibst, hin,
Wo sich die Seele formt, zurückzueilen,
Jetzt nicht aus nichts wie einst am Anbeginn.

Nimmst du das Irdische ihr ab, vorher
Schenk ihr die Hälfte von dem Weg, dem steilen,
Und mach ihr sicherer die Wiederkehr.

V.b Psalm

(Ende)
[Textteile aus V.a]

Von Sünden voll, mit Jahren überladen,
Verwurzelt in des tristen Brauches Boden,
Seh ich mich nahe neben beiden Toden
Und nähre doch mein Herz mit giftigem Schaden.

 

Eigene Kräfte hab ich nicht genügend,
Zu ändern Leben, Liebe, Los und Sitte,
Ohne den Wink, der, nicht aus unsrer Mitte,
Herüberwirkt, uns leitend und uns rügend.

Das reicht nicht aus, daß du mir Lust gibst, hin,
Wo sich die Seele formt, zurückzueilen,
Jetzt nicht aus nichts wie einst am Anbeginn.

Nimmst du das Irdische ihr ab, vorher
Schenk ihr die Hälfte von dem Weg, dem steilen,
Und mach ihr sicherer die Wiederkehr.

VII. Sonett III

Schon angelangt ist meines Lebens Fahrt
Im schlechten Schiff durch Stürme übers Meer
Am Hafen Aller, wo die Wiederkehr
Nicht Einem harte Rechenschaft erspart.

Da seh ich nun die Phantasie, die oft
Als Abgott thronte durch der Künste Gnaden,
Wie falsch sie war, von Irrtum überladen,
und was ein jeder, sich zum Nachteil, hofft.

Verliebtes Denken, einstens froh und leer,
Was ist mirs jetzt vor zweien Toden wert?
Des einen bin ich sicher, einer droht.

Malen und Bilden stillt jetzt längst nicht mehr
Die Seele, jener Liebe zugekehrt,
Die offen uns am Kreuz die Arme bot.

Auszüge aus dem Partitur-Manuskript | © Copyright 2016 by Universal Edition A.G., Wien/UE 37137

VIII.

Der Tod ist groß.
Wir sind die Seinen
lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.

Rainer Maria Rilke, 
Schlußstück aus Das Buch der Bilder

Libera me de morte aeterna
in die illa tremenda

(Missa pro defunctis)

IX. Lacrimosa I

Lacrimosa dies illa
qua resurget ex favilla …
… dies irae …
qua resurget ex favilla
homo reus

(Missa pro defunctis)

X. Sanctus

Sanctus Dominus Deus Sabaoth
pleni sunt coeli et terra gloria tua
Hosanna in excelsis
Benedictus qui venit in nomine Domini
Hosanna in excelsis

(Missa pro defunctis)

XI.

Der Tod ist groß.
Wir sind die Seinen
lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen 
mitten in uns.

Rainer Maria Rilke, 
Schlußstück aus Das Buch der Bilder

XII. Lacrimosa II

Über dir
in der Tage Gezweig hängt er.
Er hüllt sich mit Duft und mit Säften.
Du wirst ihm nicht wehren.

Einmal, als eine Frucht,
reif,
wird er dich nähren.

Johannes Bobrowski,
Der Tod

Lacrimosa dies illa
solvet saeclum in favilla
Lacrimosa dies illa
qua resurget ex favilla
homo reus

De profundis clamabo:
Libera me de morte aeterna
in die illa tremenda
quando coeli movendi sunt et terra

tremens factus sum ego et timeo
dies illa
dies magna et amara valde
Libera me

(Missa pro defunctis)

XIV. Epilog

(Strophen)

Ich gehe langsam aus der Welt heraus
in eine Landschaft jenseits aller Ferne,
und was ich war und bin und was ich bleibe,
geht mit mir ohne Ungeduld und Eile
in ein bisher noch nicht betretenes Land.

Ich gehe langsam aus der Zeit heraus
in eine Zukunft jenseits aller Sterne,
und was ich war und bin und immer bleiben werde,
geht mit mir ohne Ungeduld und Eile,
als wär ich nie gewesen oder kaum.

Hans Sahl,
Strophen

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