Iannis Xenakis

Iannis Xenakis (1922–2001) war Komponist, Architekt und Bauingenieur. 

Während des Zweiten Weltkriegs war Xenakis griechischer Wider­stands­kämpfer und wurde zum Tode verurteilt. 1947 fand er poli­tisches Asyl in Frankreich und nahm 1965 die franzö­sische Staats­bürgerschaft an.

Er studierte Komposition bei Hermann Scherchen in Gravesano sowie am Pariser Konservatorium bei Olivier Messiaen. Von 1947 bis 1960 arbeitete er als Bauingenieur und Architekt mit Le Corbusier.

Iannis Xenakis führte Mengenbegriff, Spieltheorie und Stochastik in die Komposition ein und war einer der ersten, der musikalische Formen am Computer berechnete.

Als Vorreiter der elektroakustischen Komposition mit mehr als hundert Kompositionen für alle Besetzungen wird er heute als einer der radikalsten Akteure der Avantgarde angesehen, der viele der Kompositionstechniken, die die Musik nach 1945 bestimmten, prägte und dabei dennoch ein großes Publikum erreichte.

Xenakis war Architekt des Philips Pavillon bei der Brüsseler Weltausstellung 1958, sowie anderer architektonischer Werke, wie beispielsweise das La Tourette Kloster (1955). 

Von ihm stammen außerdem Polytopkompositionen – multimediale Rauminszenierungen – für den französischen Pavillon der Weltausstellung in Montréal 1967. Weitere Polytope waren beispielsweise Persepolis, das 1971 in den Bergen und Ruinen von Persepolis aufgeführt wurde oder das Polytop von Mikenai, aufgeführt in Ruinen von Mikenai in Griechenland. 

Xenakis gestaltete außerdem das Diatop für die Eröffnung des Centre Georges Pompidou 1978 in Paris. Xenakis begründete und leitete das Forschungszentrum für mathematische und automatische Musik (CEMAMu) in Paris und das Center for Mathematical and Automated Music (CMAM) an der Universität von Indiana in Bloomington. 

Text: ©Editions Salabert

Nouritza Matossian

über „Nuits“

Übersetzung: Wendy Geddert

… Es ist hierbei erwähnenswert, daß, als Xenakis an Nuits (und Medea) 1967 arbeitete, sein Land, Griechenland, in die Dunkelheit der Militärjuntadiktatur fiel. Auch er war als Student im besetzten Griechenland ein politischer Häftling gewesen und lebte, immer noch unter dem Todesurteil durch ein Militärtribunal stehend, im Exil. Er versuchte, auf die Not der politischen Häftlinge sowohl in seinem eigenen Land als auch in anderen Ländern mit einem Text, den er aus sumerischen und altpersischen Phonemen und Silben bildete, aufmerksam zu machen. 

 

 

 

Es ist ein Werk des Leidens, ausgestattet mit phonischen Elementen, die von hohen schrillen bis hin zu offenen Vokalen, die rhythmisch in Polyphonie behandelt werden, reichen. Xenakis ist in der Lage, durch Stimmen Interferenztakte und rein „orchestrale“ Tonqualität zu schaffen. Er scheint entschlossen zu sein, sie ihrer linguistischen Konnotation zu berauben, ganz so wie es die Gefangenen, denen er das Werk widmete, waren—um ihre Redefreiheit gebracht und ihre Worte der Bedeutung und des Bezuges beraubt. Nichtsdestoweniger entschärft das ausdrucksstarke Mittel unzusammenhängender Wortstränge und deren emotionale Verwendung eine äußerst brisante Mitteilung großer Bedeutung und tragischer Dimension durch Vermeidung lang gesungener Sätze …

 

 

 

 

 

Dieses ist eine von Semantik befreite Sprache, in der Phonologie von äußerster Wichtigkeit ist. Die Bedeutungsträger sind einzig und allein Stimmformen und -gesten. Die A-cappella-Soprane stimmen einen leidenschaftlich melodischen Gesang im Viertelton an, der von den Baß-, Alt- und Tenorstimmen neutralisiert wird. Die Vokalelemente stehen in ständigem Gegensatz, so als ob die verschiedenen Teile ständig ums Überleben kämpfen müssen. 

Alle Skizzen: Iannis Xenakis – Nuits
(Collection Famille Xenakis)

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