Der Ernst von Siemens Musikpreis

Himmelsgeschenk


Jeder Preis ist ein Triumph der Gerechtigkeit: für denjenigen, der mit ihm ausgezeichnet wird. Zugleich ist jeder Preis der Beweis für krasse Ungerechtigkeit: für diejenigen, die ihn nicht — oder: noch nicht — erhalten haben. Für einen Komponisten kann es schwerlich ein schrecklicheres Gefühl geben als die einst von Gustav Mahler formulierte Ahnung, die eigene Zeit werde erst nach der Lebenszeit. Es gibt keine wichtigere Anerkennung als die zu Lebzeiten — und keine bessere Begründung und Rechtfertigung für den Ernst von Siemens Musikpreis als die Worte, die Karlheinz Stockhausen, nicht unbedingt ein Preisträger nach dem Herzen und Geschmack des Stifters, für das "Himmelsgeschenk" dieses Preises fand:

In seinen Dankesworten sagte der Preisträger des Jahres 1986: "Als ich den Brief von Herrn Dr. Sacher bekam, in dem stand, ich hätte den Ernst von Siemens Preis gewonnen, empfand ich Dankbarkeit und eine große Erleichterung. Ich hatte nämlich in den letzten Jahren in künstlerischem Leichtsinn viel mehr Geld ausgegeben, als ich besaß: einmal für den Druck meiner Partituren (die ich seit zehn Jahren in einer kleinen Druckerei in Köln-Mühlheim selber drucken lasse), und dann auch unter dem Druck der 'neuen Mannschaft' der Deutschen Grammophon, die von mir verlangte, daß ich für die Freigabe der Tonbandaufnahmen meiner Werke die Ablösungshonorare an die Interpreten und Rundfunkanstalten zahlen soll (was ich getan habe, obwohl ich das Geld gar nicht besaß, nämlich für die Aufnahmen meines Werkes SAMSTAG aus LICHT ... )."

Staat und Mäzenatentum


Unter den 1120 vom "Dokumentationszentrum Deutsche Stiftungen" (Maecenata Management GmbH, April 1996) ausgewiesenen Kultur-Stiftungen gehören die drei Siemens-Stiftungen — die beiden anderen dienen den Bildenden Künsten und fördern die Wissenschaften — zu den bedeutendsten Kultur-Stiftungen. Es sind bewahrende und fördernde, keine Operativen Stiftungen. Kulturstiftungen, definiert als "institutionalisiertes Mäzenatentum" (Bernhard Freiherr von Loeffelholz), werden in dem Maße, in dem die Finanzierung der Kultur schwieriger wird, an Bedeutung zunehmen. Diese Schwierigkeiten zeichnen sich zunehmend deutlicher ab. Zwar findet sich im Grundgesetz, in feierlicher Formulierung, der Verfassungsauftrag der Kulturstaatlichkeit gleichwertig neben dem der Rechtsstaatlichkeit. Doch wird dieser Auftrag immer öfter in Frage gestellt, de facto sogar ignoriert. Viele kulturelle Institutionen haben dies schon — oder sie werden dies noch — zu spüren bekommen. Wo und wann immer sie aber die Auseinandersetzung mit anderen Interessengruppen politisch führen, werden sie bei den Verteilungskämpfen unterliegen. Denn das Soziale läßt sich nicht nur gegen das Kulturelle aufwiegen, sondern auch aufwiegeln, insbesonders dann, wenn die kulturpolitische Debatte zu einer finanzpolitischen entwertet wird. Diskutiert wird aber weniger über den essentiellen Nutzen der Kunst — ihren Wert für gesellschaftliche Erneuerung, ihre Impulse für Kreativität — als über den sekundären Nutzen, den sie als Standort- und Wirtschaftsfaktor besitzt. Das muß zu sinnlosen Vergleichen kultureller Institutionen mit anderen Einrichtungen führen: des Opernhauses mit dem Musical-Theater, des Museums mit dem Disneyland.

Um so wichtiger wird, in einem von Leistungs- und Erwartungsansprüchen überforderten Staat, die private Kulturförderung. Doch in einer Zeit, da viele private Initiativen — gerade die von Sponsoren — wiederum nur am Ereignis orientiert oder am PR-Effekt interessiert sind, muß der Ernst von Siemens Preis wie ein Anachronismus wirken. Seine Stiftung war Ausdruck der großbürgerlichen Anerkennung für eine in der Epoche des Großbürgertums autonom gewordene Kunst. Der "Nutzen" wurde nicht — und wird nicht — quantifiziert, nicht unter die Bilanz des Unternehmens subsumiert.

Es sind fast vierzig Jahre her, daß der Enkel des Unternehmensgründers Werner von Siemens am 20. Dezember 1972 diesen Preis stiftete. Für Ernst von Siemens war die Feststellung, daß die Wirtschaft auf die Kunst und auf kulturelle Impulse angewiesen sei, kein Lippenbekenntnis. Er, der aus dem bürgerlichen Patriazat kommende "Erbe", war dem Ethos der Leistung verpflichtet — und er verstand die künstlerische Leistung als Ausdruck oder Manifestation derselben menschlichen Kreativität. So war es seinem Herzen zeitlebens fern, den Preis als Mittel der Werbung gebrauchen oder mißbrauchen zu lassen. Im kompakten gesellschaftlichen System eines ökonomisch überaus erfolgreichen Kleinbürgertums, für die Kultur keine produktive Gesellschaftsform, stieß und stößt diese Haltung auf Widerstand — auf eine oft diffuse kultur-kritische Ranküne, gemischt aus ökonomischen und ästhetischen Argumenten.

Anerkennung für eine Lebensleistung


Daß der Ernst von Siemens Musikpreis des öfteren mit dem Nobel-Preis verglichen worden ist, erklärt sich vorab aus der Magie der großen Zahl. Gerade die Fixierung auf die bedeutende Dotierung scheint in der Öffentlichkeit, insonderheit in der publizistischen, den Blickwinkel auf die Ziele des Stifters wie die Intentionen des Kuratoriums verengt oder verstellt zu haben. Immer wieder sah sich das Kuratorium zudem der Kritik ausgesetzt, daß sich die Stiftung mit den Namen der Größten schmücke (oder schmücken wolle). Deren Träger, so heißt es, seien des Geldes recht eigentlich nicht bedürftig.

Wie voreilig, ja gedankenlos dieser oft im Tonfall der Sozial-Anklage vorgetragene Einwand ist, bezeugen die von Skrupeln getränkten wie von Selbstbewußtsein erfüllten Dankesworte von György Ligeti: "Ich habe eine etwas ambivalente Einstellung zu Ehrungen und Preisen: Ein Künstler macht seine Arbeit so gut, wie er es kann, und möchte selbstverständlich, daß seine Produkte verstanden und akzeptiert werden sollen. Aber der Erfolg — obwohl willkommen — ist nicht das Ziel der künstlerischen Tätigkeit. Was wirklich zählt, ist der Genuß des Machens: daß man Vorstellungen hat, und dann diese Vorstellungen materialisiert in Form von Bildern, Büchern, Partituren : Im Falle von Musik: daß etwas, was man im inneren, abstrakten Gehör sich vorgestellt hat, dann real, als musikalische Form erklingt."

Sich die Frage stellend, ob er den Preis wohl verdient habe, sagte Ligeti, "daß die Freude die Schamgefühle mehr als aufwiegt" — Schamgefühle, die offenbar nur noch von Künstlern verlangt werden. Der Komponist fügte mit Blick auf das Geld hinzu, man bekomme "einen so großen Preis meist in einem Lebensalter, in dem man das Geld nicht unbedingt braucht -doch andere brauchen es, und so gibt man den Großteil der Summe weiter".

Der Rang des Interpreten


Angefochten wurde ferner, daß der Preis auch an Interpreten vergeben wurde, die ihn, selbst wenn ihr Rang unumstritten, schon deshalb nicht verdienen, weil sie ohnehin viel zu viel verdienen — insbesonders in Relation zu den "schöpferischen Musikern", den Komponisten. Es war ein um Anerkennung ringender Komponist, Richard Wagner, der an einen glückhaften Virtuosen, an Franz Liszt, schrieb: "Entsinne Dich, wie ich Dich in Deiner besonderen Kunst schon früher glücklich pries, eben weil Du unmittelbarer Künstler, wirklich gegenwärtiger — in diesem Augenblicke sinnfällig gebender Künstler warest. ... Ich wollte Dir keineswegs schmeicheln, sondern ich sprach — halb noch unbewußt — mein Wissen davon aus — daß nur der Darsteller der eigentliche wahre Künstler sei. Unser ganzes Dichter- und Komponisten-Schaffen ist nur Wollen, nicht aber Können: erst die Darstellung ist das Können — die Kunst." (Brief vom 20. Juli 1850)

Nicht nur dem Stifter, sondern auch der Jury ging und geht es darum, Interpreten auszuzeichnen, die sich verantwortlich fühlen für die Gegenwart und die Zukunft der Musik. Um Künstler, die ihre Wirkungs- macht nutzen, um gegen den Strom zu schwimmen, um das Publikum mit unorthodoxen Programmen zu fordern — und dadurch zu fördern. Es sei erwähnt, daß etwa Heinz Holliger oder Maurizio Pollini das Preisgeld sogleich in den Dienst ihrer Bemühungen um die Neue Musik stellten und damit ihr Engagement erneut bekräftigten.

Epochen-Figuren


Der Ernst von Siemens Musikpreis für Komponisten und Interpreten ist kein Instrument sozialer Für- oder Vor-Sorge. Er belohnt nicht die Hoffnungen, die in einen Musiker gesetzt werden, sondern er würdigt erbrachte Leistungen. Die Liste der ausgezeichneten Komponisten — von Benjamin Britten, Olivier Messiaen und Pierre Boulez bis zu Elliott Carter, Witold Lutoslawski, Karlheinz Stockhausen, Hans Werner Henze, György Ligeti, Helmut Lachenmann, György Kurtág und Mauricio Kagel, ist ein Bekenntnis zur "Weltmusik". Unumstritten waren diese Komponisten durchaus nicht — und einige von ihnen sind es immer noch nicht.

Mit Dirigenten wie Herbert von Karajan, Leonard Bernstein, und Claudio Abbado, mit Instrumentalisten wie Rudolf Serkin und Maurizio Pollini, Yehudi Menuhin, Gidon Kremer und dem Arditti Quartett wurden, gegen alle Tendenzen zur demokratischen Nivellierung, Epochen-Figuren ausgezeichnet. Wie der Nobel-Preis, der Erasmus-Preis, der Sonning-Preis, der Shakespeare-Preis würdigt das Kuratorium — ohne Rücksicht auf öffentliche Erwartungen — eine Lebensleistung. Wobei ein Satz zu bedenken wäre, den Clytus Gottwald als Laudator von Pierre Boulez vorbrachte: daß es, auch im humanen Sinne, Lebensleistungen gibt, die selbst durch einen großzügig dotierten Preis nur symbolisch belohnt werden können.

Bei seiner Entscheidung war und ist das Kuratorium weder an die Ziele des Stifters noch an irgendwelche Interessen der Firma gebunden. Schon gar nicht hat sie den Vorstellungen und Forderungen des Zeitgeistes zu entsprechen — sei es der, daß umstrittene Komponisten zu berücksichtigen, sei es der, daß Komponistinnen und Interpretinnen zu prämieren seien. Ohnehin ließe sich heute fragen, ob das, was an einem Werk umstritten ist, jenen ästhetischen Mehrwert darstellt, der die Zuerkennung des Preises herausfordert oder erzwingt. Die Jury verhält sich zu diesen Gedanken und Bedenken, zu diesen Vorschlägen und Vorwürfen nach der Maxime des englischen Königshauses: "Never explain, never complain."

Förderung und Forderung


Der nicht weniger wichtige und weiter reichende Zweck der Stiftung, deren Statut am 10. August 1987 revidiert ward, bleibt vielfach übersehen. Der Preis fällt nicht allein einem produzierenden oder reproduzierenden Künstler oder Musikwissenschaftler für besondere Leistungen zu, "insofern dadurch ihr künstlerisches Schaffen gefördert und wertvolle Kunstwerke der Allgemeinheit zugeführt werden" (wie es im dritten Abschnitt des zweiten Paragraphen heißt); sondern er dient in einem kaum gewürdigten Maße der "Heran-und Fortbildung des künstlerischen Nachwuchses". (§ 2, a) Die Zuwendungen gehen sowohl an Institutionen als auch an Ensembles und Einzelpersonen.

Neue Ziele


Die Idee des Preises läßt sich, fast vierzig Jahre nach der Gründung, nicht mehr allein ableiten aus den Intentionen des Stifters. Ernst von Siemens stand am Ende einer Epoche: der bundesrepublikanischen Gründerjahre. Mögen seine Ziele als Stifter zunächst konservativ gewesen sein, also — wenn denn die lange verfemte Formel wieder erlaubt sei — auf die Bewahrung kultureller Werte gerichtet, so hat er durchaus etwas angestiftet. Das Kuratorium hat nicht immer, wie erwähnt, nach seinem Geschmack gehandelt, wohl aber in seinem Sinn. Er hat damit Entwicklungen jenseits des eigenen Blickfeldes ermöglicht — und die für jeden Preis unabdingbare Dynamik.

Das Kuratorium — zu dem heute erfolgreiche Komponisten, Musikwissenschaftler, erfahrene Kultur-Manager, versierte Praktiker und Theoretiker gehören — versteht sich, wenn das Wort erlaubt ist, als Treffpunkt und Tauschplatz des Geistes: für Künstler und Intellektuelle, die nicht auf Zementfüßen durchs Leben stapfen und nicht wie Betonköpfe aufeinander prallen. Sie können einen Dialog führen, der in einer diffusen und diffundierenden Welt vielleicht keine Lösungen findet, aber Wege aufzeigt und den Preis zu einem Leuchtturm macht für den Kurs der Musik unserer Zeit.

Jürgen Kesting