Leonard Bernstein (1918-1990)

Aus der Laudatio von August Everding:

Sie sind Musica viva, für manche musica vivissima. Bernstein sein heißt: Dirigent, Komponist, Pianist, Autor, Lehrer, Fernseh-, Pult- und Gesellschaftsstar "sein" und auch noch Humanist, Idealist und Moralist sein "wollen"...Sie haben sich nie mit dem Status quo zufrieden gegeben. Ihre Leidenschaft ist die Phantasie. Die Phantasie schafft Ihre Leiden, aber erweckt auch Ihre Hoffnung, jenes Prinzip Hoffnung, daß Sie immer mitgerissen hat — und uns. Musik ist für Sie immer eine offene Frage, the "unanswered question".

Ihre Antwort ist immer: Ja. Der Mut zu diesem Positivismus, der kein billiger Zukunftsglaube ist, dieses Ja heute, wo man nur noch nein sagen zu können
glaubt, ist eine Antwort auf eine Frage und kein Statement. Es ist kein Tranquilizer und keine harmonisierende Brücke über einen Abgrund. Ihre 2. Symphonie beschreibt das Zeitalter der Angst. Ihre Hoffnung wohnt im Windschatten Ihrer Verzweiflung...Bei der Suche nach der Wahrheit, jenem — wie Hegel sagt — bacchanalischen Gelage ohne einen einzigen nüchternen Teilnehmer, bei dieser Suche muß man "trunken von Phantasie" sein. Sie sind mutig genug, Ihren Schülern und Zuhörern immer wieder zu sagen, daß Phantasie zu wenig ausrichtet, wenn Können fehlt. Sie sind ein Geysir — manchen zu heiß, manchen zu wenig eindämmbar und sind dann doch oft ein "quiet place". Aber Sie bekannten: "I'm always marching for something", und dieses Auf-dem-Weg-Sein hat Sie jung erhalten und die Jungen angezogen.