Arnulf Herrmann

Arnulf Herrmann im Gespräch mit der Musikjournalistin Margarete Zander

Energien, erfahrbar gemacht
von Markus Böggemann

Komponieren kann ein Abenteuer sein – wenn man es, wie Arnulf Herrmann, nicht nur als Ausführen eines zu Anfang gefassten Planes begreift, sondern als flexibles Agieren in einem Feld, das gleichermaßen von den Konzepten und Vorüberlegungen des Komponisten und den oft unvorhersehbaren konkreten musikalischen Ereignissen bestimmt wird. Komponieren heißt dann, einen Handlungsraum schaffen, in dem gesteuerte Überraschungen möglich sind, in dem Optionen aufeinanderprallen und Wege sich gabeln, von denen noch nicht klar ist, wohin sie führen. Dazu bedarf es freilich, neben der selbstverständlichen Souveränität des Metiers, neben einer reichen künstlerischen Imagination und der Lust am Unerwarteten, eines Umgangs mit dem musikalischen Material, der es zu einem aktiven Gegenüber im Kompositionsprozess macht.

In Arnulf Herrmanns Werken wächst den Klängen und Gestalten in dieser Hinsicht eine geradezu physische Qualität zu: Sie werden verformt und verbogen, sie zersplittern und implodieren – und erscheinen dadurch als Körper, denen eine Kraft nicht nur widerfährt, sondern die die ihnen zugeführte Energie gleichsam speichern und in das musikalische Geschehen zurückwerfen. Aus ihrer vom Komponisten angeregten und kontrollierten Interaktion entwickelt sich ein vieldimensionales Gewebe formaler Prozesse, Handlungssträngen vergleichbar, die sich kreuzen, überlagern, auseinanderdriften und so einen dramaturgisch zwingenden Gesamtablauf generieren, ohne im einzelnen vorhersehbar zu sein.

Dieses Ineinander von präzise bestimmten Gestalten, auf sie einwirkender und von ihnen abstrahlender Energie und daraus resultierendem individuellem Formverlauf wird gesteuert von einer Grammatik, die sämtliche Größenordnungen der Komposition – von der Gesamtform bis hinunter zu den kleinsten Verästelungen der Detaildisposition – umgreift. Dadurch konstituiert sich ein mehrdimensionaler kompositorischer Raum, in dem das gerade erklingende Einzelereignis und der übergeordnete Verlauf durchgängig aufeinander bezogen sind: Jede kompositorische Entscheidung hat Konsequenzen auf jeder Ebene des Satzes. Und es ist dieses Zusammenspiel von unmittelbarer Physis der Klänge und ihrer Einbettung in übergeordnete Zusammenhänge, das den Werken eine unmittelbare Präsenz und Plastizität verleiht.

Dabei gilt Arnulf Herrmanns kompositorisches Interesse häufig den unterschiedlichen Spielarten von Erosions- und Deformationsprozessen: In Monströses Lied für Klarinette und kleines Ensemble (2007) lässt er beispielsweise eine anfänglich stabile, ausbalancierte Anordnung von Formteilen nachgerade aufschäumen: Ihre Bestandteile multiplizieren und destabilisieren sich, sie zerfallen und gewinnen zugleich an Volumen, überschwemmen den ihnen gesetzten Rahmen und rinnen schließlich in den Resten einer Solokadenz aus. In den Fiktiven Tänzen (Erster Band, 2008) ist es hingegen ein den meisten Sätzen zugrunde liegendes metrisches Modell, das stetig wiederholt, zugleich aber mehr und mehr ausgehöhlt wird. Unterschiedliche, übereinander gelagerte Mikrotempi und irreguläre metrische Aufteilungen lassen die etablierte Ordnung wanken, nach und nach aus dem Lot geraten und schließlich im letzten Satz, Schwieriger Tanz, endgültig kollabieren.
All das teilt sich unmittelbar mit; Arnulf Herrmanns Musik evoziert Bilder, ohne abbildend zu sein, sie gibt nicht Äußerliches wieder, sondern zieht poetischen Reichtum aus genuin musikalischen Fragestellungen. Auch das Hören wird so zu einem Abenteuer.