Tabea Zimmermann

Foto © Marco Borggreve

„Eine Karriere sollte niemals dem eigenen inneren Wachstum davon­eilen. Aspekte wie Klang und tonales Volumen brauchen Zeit zur Ent­wicklung. Das ist nicht nur eine Frage der Hände und der Muskulatur oder der Technik. Die Vorstellungs­kraft muss sich ebenfalls ent­wickeln.“

Tabea Zimmermann gehört zu den beliebtesten und re­nommiertesten Inter­preten unserer Zeit. Zuhörer und musi­kalische Partner schätzen an ihr sowohl ihr tiefes musi­kalisches Ver­ständnis und die Natürlich­keit ihres Spiels als auch ihre charis­matische Persönlich­keit. Dass sie heute als weltweit führende Bratschistin gilt, gründet nicht nur in ihrer außer­gewöhnlichen Be­gabung, sondern ebenso in der frühen und intensiven Förderung durch ihre Eltern, der um­fassenden Aus­bildung durch ex­zellente Lehrer und dem un­ermüdlichen Enthusiasmus, mit dem sie ihr Ver­ständnis der Werke und ihre Liebe zur Musik ihrem Publikum ver­mittelt.

Foto © Marco Borggreve

 

Als Solistin arbeitet sie regel­mäßig mit den welt­weit bedeutendsten Or­chestern: den Berliner Philharmonikern, dem Orchestre de Paris, dem London Symphony Orchestra, dem Israel Philharmonic Orchestra und der Tschechischen Philharmonie. Nachdem Tabea Zimmermann in den ver­gangenen Spiel­zeiten Residencies in Weimar, Luxemburg, Hamburg und bei den Bamberger Symphonikern ge­staltet hat, war sie 2013/14 und 2014/15 Artist in Residence beim Ensemble Resonanz und setzt diese enge Zu­sammen­arbeit auch weiterhin fort. In der Saison 2015/16 war sie MuseumsSolistin bei der Frankfurter Museums-Gesellschaft.

Besondere Höhe­punkte der Saison 2017/18 sind Tabea Zimmermanns Saisoneröffnungs-Konzerte mit dem Ensemble Resonanz in der Elbphilharmonie, ihre Kon­zerte mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und Lahav Shani, mit dem Chamber Orchestra of Europe und David Robertson bei musica viva (BR München) mit dem Orchestre de Chambre de Paris, eine große Konzert-Tournee mit Les Siècles und Francois-Xavier Roth sowie gleich zwei Ur­auf­führungen: ein neues Werk von Brett Dean mit dem Swedish Chamber Orchestra und eine neues Bratschen­konzert von York Höller mit dem Gürzenich Orchester Köln und, etwas später, dem Seoul Philharmonic Orchestra.

Foto © Marco Borggreve

 

Ich bevorzuge den direkten Kontakt zu anderen Musikern über mein Instru­ment. Auch wenn ich heute ein um­fassenderes Bild von einer Kompo­sition habe als vor 20 Jahren, habe ich nicht den Wunsch, eine Auf­führung zu kontrollieren. Die besten Er­gebnisse lassen sich erreichen, wenn sich jeder Musiker ein­geladen fühlt, eine Inter­pretation mit zu gestalten, wenn die Kommuni­kation über den musi­kalischen ‚Flow‘ statt­findet.“

Filz Manuskript

Einen Schwerpunkt ihrer kammer­musikalischen Ar­beit bildete für Tabea Zimmermann in den letzten Jahren das Arcanto Quartett mit Antje Weithaas, Daniel Sepec und Jean-Guihen Queyras. Das Arcanto Quartett war unter anderem in der Carnegie Hall New York, im Théâtre du Châtelet und der Cité de la musique Paris, beim Festival d’Aix-en-Provence, in der Philharmonie Berlin sowie im Konzerthaus Wien zu hören und in Israel, Japan und Nord­amerika auf Tournee. Beim Label Harmonia Mundi er­schienen CDs mit Werken von Bartók, Brahms, Ravel, Dutilleux, Debussy, Schubert und Mozart.

Tabea Zimmermann hat das Interesse vieler zeit­genössischer Kompo­nisten für die Bratsche ge­weckt und zahl­reiche neue Werke in das Konzert- und Kammer­musik­repertoire eingeführt. Im April 1994 brachte sie erst­malig die ihr ge­widmete Sonate für Viola solo von György Ligeti zu Gehör. Ihre Inter­pretation des Werkes, das sie an­schließend in London, Paris, Jerusalem, Amsterdam und Japan spielte, fand euphorischen An­klang bei Publikum und Presse.

„Scheinbar ist die Viola nur eine größere Vio­line, einfach eine Quint tiefer ge­stimmt. Tat­sächlich liegen aber Welten zwischen den beiden Instru­menten. Drei Saiten haben sie ge­meinsam, die A-, D-, und G-Saite. Durch die hohe E-Saite er­hält der Klang der Vio­line eine Leucht­kraft und metallische Durch­dringlichkeit, die der Viola fehlen. Die Violine führt, die Viola bleibt im Schatten. Dafür besitzt die Viola durch die tiefe C-Saite eine eigen­artige Herb­heit, kompakt, etwas heiser, mit dem Nach­geschmack von Holz, Erde und Gerb­säure.“

György Ligeti im Vorwort zu seiner Sonate für Viola solo (1991–1994)

Seitdem hat sie auch Heinz Holligers Recicanto für Viola und Orchester, das Bratschen­konzert Nr. 2 Über die Linie IV von Wolfgang Rihm, Monh von Georges Lentz, Notte di pasqua von Frank Michael Beyer, das Doppelkonzert von Bruno Mantovani, gemein­sam mit Antoine Tamestit, und Enno Poppes Filz, ge­meinsam mit Ensemble Resonanz, ur­aufgeführt.

Tabea Zimmermanns linke Hand nach den Proben für die Ur­aufführung von Enno Poppes Bratschen­konzert Filz.

„Immerhin ist die Partitur schon fertig. Das Heran­tasten be­ginnt, ich muss das Bratschen­spielen neu lernen. Er ver­wendet eine Technik, die ich nicht kenne, er ist offen­bar in seiner Glissando-Phase. Er fordert volle Flexi­bilität im Ton, keiner endet, wie er begann, zudem wird es einem beim Spielen heiß – durch das viele Rutschen. Da muss ich noch eine Lösung finden.“

„Ja, meine Finger sind schwarz von den vielen Glissandi in Ennos Stück! Filz hat mich jetzt wochen­langes Training einer neuen Technik ge­kostet. Im Sommer hat Enno mir die Parti­tur ge­schickt und im Herbst wollte ich eigentlich schon mit dem Üben fertig sein. Ich bin wochen­lang drum herum ge­schlichen, habe hinein ge­schaut, aber ich wusste nicht, wo ich an­fangen soll. Dann nimmt man hier mal ein De­tail, dann baut man es zusammen, aber das Spiel­gefühl ist eine neue Spiel­technik.“

Filz Manuskript

Die Uraufführung von Michael Barrels Bratschen­konzert spielte sie beim Festival Musica Strasbourg 2017 mit dem Orchestre National des Pays de la Loire unter Pascal Rophé, mit weiteren Auf­führungen mit den Wiener Symphonikern unter Ingo Metzmacher, dem Orchestre de la Suisse Romande unter Pascal Rophé und dem Konzert­haus­orchester Berlin unter Mario Venzago.

Das Hindemith-Jahr 2013 nahm Tabea Zimmermann als Anlass, bei myrios classics eine hoch­gelobte Gesamt­einspielung aller Bratschen­werke von Paul Hindemith vorzu­legen. Nach dem Er­folg ihrer 2009 bei myrios classics er­schienen Solo-CD mit Werken von Reger und Bach, für das sie mit einem Echo Klassik als Instrumentalistin des Jahres aus­gezeichnet wurde, brachte das Label in­zwischen drei weitere Alben ge­meinsam mit den Pianisten Kirill Gerstein und Thomas Hoppe heraus. Insgesamt dokumentieren rund 50 CDs, die unter anderem bei EMI, Teldec und der Deutschen Grammophon er­schienen sind, Tabea Zimmermanns musi­kalisches Schaffen. 

Bei Ars Musici liegt eine Auf­nahme des Kon­zertes im Beethoven-Haus Bonn vor, bei dem sie, be­gleitet von Hartmut Höll, auf Beethovens eigener Bratsche spielt.

„Allzu oft wird ein junger Wettbewerbs­gewinner von einer Agentur als ‚der neue Star‘ unter Ver­trag ge­nommen; die Publicity-Maschine fängt an zu laufen und der Musiker muss zahl­losen Ver­pflichtungen nach­kommen. Er fühlt sich oft wie der sprich­wörtliche Hamster im Rad. Wer kann als Künstler unter solchen Be­dingungen heran­reifen? Mein Rat an alle jungen Musiker lautet, ihren eigenen In­stinkten zu ver­trauen und sich selbst Zeit zum Wachsen zu er­lauben. Nur dann kann etwas Außer­gewöhnliches ge­schehen.“

Für ihr künst­lerisches Wir­ken ist Tabea Zimmermann sowohl in Deutsch­land als auch im Aus­land mehr­fach aus­gezeichnet worden, unter anderem mit dem Frankfurter Musikpreis, dem Hessischen Kulturpreis, dem Rheingau Musikpreis, dem Internationalen Preis der Accademia Musicale Chigiana in Siena, dem Paul-Hindemith-Preis der Stadt Hanau und jüngst als Künstlerin des Jahres der ICMA International Classical Music Awards 2017.

Tabea Zimmermann ist Stiftungs­ratsmitglied der Hindemith-Stiftung mit Sitz in Blonay, Schweiz, und Bot­schafterin der Bundesstiftung Kinderhospiz. Im Juli 2013 wurde sie zur Vorstands­vorsitzenden des Vereins Beethoven-Haus Bonn er­nannt. Unter ihrer Ägide findet seit Januar 2015 jedes Jahr die Beethoven-Woche Bonn statt.

Foto © Marco Borggreve

 

Tabea Zimmermann er­hielt im Alter von drei Jahren ihren ersten Bratschen­unterricht, zwei Jahre später be­gann sie mit dem Klavier­spiel. An ihre Aus­bildung bei Ulrich Koch an der Musik­hochschule Freiburg schloss sich ein kurzes, intensives Studium bei Sandor Végh am Mozarteum in Salzburg an. Eine Reihe von Wettbewerbs­erfolgen krönte ihre Aus­bildung, darunter erste Preise beim Concours International in Genf 1982, Budapest 1984 und beim Wett­bewerb „Maurice Vieux“ in Paris 1983. Dort er­hielt sie als Preis eine Bratsche des zeit­genössischen Geigenbauers Etienne Vatelot, auf der sie seit­dem spielt. Ab 1987 bis zu dessen Tod im Jahr 2000 konzertierte sie regel­mäßig mit ihrem Ehe­mann David Shallon. Professuren hatte Tabea Zimmermann bereits an der Musik­hochschule Saarbrücken und an der Frankfurter Hochschule für Musik inne; seit Oktober 2002 ist sie Professorin an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ in Berlin, wo sie in­zwischen mit ihren drei Kindern lebt.

zum Seitenanfang