„Ein bisschen weiter gedacht …“

Bettina und Peter von Siemens über den Stiftungsgründer Ernst von Siemens.

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EvS Musikstiftung: Woran erinnern Sie sich, wenn Sie an Ernst von Siemens denken?

Peter von Siemens: Als ich Onkel Ernst zum ersten Mal gesehen habe – er hatte ja Kinderlähmung – lief er an zwei Stöcken, nicht Krücken, sondern an zwei Stöcken. Er kam also bei uns vorbei und meine Mutter und mein Vater sagten: „So, das sind der Onkel Ernst und die Tante Ursula, seine Schwester.“ Das war das erste Mal, dass ich ihn gesehen habe.

Bettina von Siemens: Ich kann mich sehr gut erinnern: Es war Familientreffen. Einmal im Jahr trifft sich die ganze Familie anlässlich der Hauptversammlung [der AG, Anm. d. Red.] im Familienverband. Da gibt es immer ein Abendessen – gesetzt. Ich war neu in der Familie und meine Schwiegermama machte die Tischordnung und sagte zu mir: „Der Onkel Ernst sitzt neben Dir.“ Irgendwie dachte sie, sie muss mir behilflich sein und meinte: „Du musst mit ihm über Botanik reden.“ Und ich dachte: „Toll, ich kann immerhin eine Tulpe von einer Rose unterscheiden!“ Botanik fand ich doch etwas schwierig. Das war aber überhaupt nicht der Fall, sondern wir haben uns wunderbar unterhalten.
Ernst von Siemens war in der Familie sicher der, vor dem alle großen Respekt und auch ein bisschen Angst hatten – die Jüngeren. (Zu ihrem Mann, der sich einzumischen versucht) Ja, Du nicht, aber ich bin ja eingeheiratet! Also, er war schon die große Respektsperson. Aber wenn man ihn im Umgang hatte, war er ausgesprochen liebenswürdig und zugänglich. Aber er war schon die große Persönlichkeit. Auch wenn man sich mit Deinen Eltern unterhielt – Onkel Ernst war die prägende Familienpersönlichkeit.

Kam das alles über seine Rolle im Unternehmen oder war das auch im privaten Bereich so?

PvS: Ich würde sagen als Persönlichkeit …

BvS: Als beides!

PvS: Ja, sicher als beides. Aber wir haben die ja damals anders angesehen. Das waren alles Familienangehörige. Ob der eine nun Oberanführer war und der andere Nummer zwei oder drei, das war unerheblich.

BvS: Bei diesem Familientag gibt es auch eine Familienversammlung. Da gibt es einen Quertisch und der Familienchef sitzt in der Mitte. Und der Familienchef ist bis dahin immer auch Aufsichtsratsvorsitzender oder Vorstandsvorsitzender gewesen und dadurch war das schon eine Personalunion. Du hast gesehen, das ist der Oberste der Familie und der Oberste der Firma. Das ist natürlich schon eine Respektsperson, wenn man als junger Mensch einheiratet. Aber auch die Familienmitglieder haben das so empfunden.

Sind Sie Ernst von Siemens noch zu anderen Gelegenheiten begegnet?

BvS: Er war niemand, der wahnsinnig gern auf Abendessen, bei denen Familie dabei war, gegangen wäre. Bei mir war die andere Verbindung zu ihm der Botanische Garten. Witziger Weise. Er hat ja die Freunde des Botanischen Garten gegründet und dann hörte er irgendwann auf und hat aus irgendwelchen Gründen mich vorgeschlagen, seine Nachfolgerin zu werden. Und das bin ich dann auch geworden. Daher kann ich mittlerweile auch ein bisschen mehr als Rosen und Tulpen unterscheiden. Er war dort ganz hoch angesehen. Der Botanische Garten und Onkel Ernst in München – diese Verbindung ist eine ganz, ganz wichtige Sache. Und dann kam eben irgendwann die Musik dazu.

Bei welchen Gelegenheiten – außer der eben Erwähnten – hatten Sie mit ihm zu tun, Peter von Siemens?

PvS: Es kommt immer darauf an, in welchem Zeitraum. Als er längst in Pension und ich noch bei Siemens war, wo ich es ja auch weiter gebracht hatte als nur zum Pförtneraufseher, da war natürlich vieles, worüber man sich dann unterhalten hat: „Wie läuft das Geschäft?“. Man hat das nicht für eine wahnsinnig wichtige Angelegenheit gehalten, sondern man hat sich einfach darüber unterhalten. Ich hatte mit ihm auch keine Probleme. Aber viele andere fanden ihn unzugänglich. Bei mir war er das nicht. Vielleicht war er das deshalb nicht, weil er so viel älter war als ich. Ich hätte ja theoretisch sein Enkel sein können. Nachdem seine Schwester gestorben war,  hatte er das Haus aufgegeben und ist in den Bayerischen Hof gezogen. So war er auch zugänglicher als draußen in Starnberg. Und da er dann in München war, war der Kontakt häufiger. Auch weil er ja noch ein Büro in der Firma hatte, da haben wir uns natürlich zwischendurch gesehen. Irgendwann sagte er: „An und für sich könntest Du ja mal morgens zum Frühstück kommen.“ Da habe ich mich vorsichtshalber erst einmal erkundigt – nachdem er ja berüchtigt war als Frühaufsteher – um wie viel Uhr das ist. Er sagte dann sieben Uhr oder so. Ich sagte: „Ja, o.k., da komme ich.“ Ohne, dass es ein Date fixe war, fand das des Öfteren statt. Damals habe ich noch geraucht. Onkel Ernst war ja berüchtigt dafür, dass er Leute, die rauchen nicht so gern hatte. Ich durfte aber rauchen beim Frühstück.

Neben der Botanik galt ja seine große Liebe der Musik. Können Sie uns erzählen, warum er die Musikstiftung gegründet hat?

BvS: Ich weiß nur, dass Paul Sacher eine große Rolle spielte. Und ich nehme an, dass das durch die Freundschaft zu Paul Sacher entstanden ist, weil Paul Sacher ja nun auch ausgesprochen für die Neue Musik war. Ich kann überhaupt nicht beurteilen, inwieweit sich Onkel Ernst selbst für die Neue Musik begeistert hat. Man weiß um diese berühmte Stockhausen-Anekdote, bei dem er nicht zur Preisverleihung gegangen ist. Was ich eine tolle Sache und sehr generös von Onkel Ernst finde, ist, dass er sich überhaupt nicht eingemischt hat. Sondern er hatte ein sehr gutes, fachkundiges Kuratorium und die haben Stockhausen eben ausgesucht und das hat er dann auch akzeptiert. In den letzten 20 Jahren gab es schon den einen oder anderen, bei dem ich mir denken könnte, der Onkel Ernst hätte das jetzt wahrscheinlich nicht so toll gefunden. Ich weiß das auch von Freunden von uns, die zur Preisverleihung kommen und zwischendurch sagen „Hm, ja …“. Das ist schwierig. Von meinem Sohn Ferdinand, der auch im Stiftungsrat der Ernst von Siemens Musikstiftung ist und der nächsten Generation angehört, weiß ich, dass die einfach einen völlig anderen Zugang zur Musik haben, als zum Beispiel meine Generation. Ich bin einig mit Mariss Jansons, der sagt: Musik muss man nicht verstehen, man muss sie mit dem Herzen hören. Und nachdem ich persönlich nicht musikalisch gebildet bin, kann ich nur mit dem Herzen hören.

PvS: Ich habe am Abend vor seinem Tod noch mit Onkel Ernst telefoniert. Ich wollte ihm einen guten Rutsch ins neue Jahr wünschen. Er war da ja schon im Krankenhaus in Starnberg und ich sagte: „Sag mal Onkel Ernst, höre ich da richtig: Hörst Du Dir gerade eine Operette an?“ Ich war erstaunt. Denn ehrlich gesagt, kann ich mich nicht erinnern, ihn und Tante Ursula hier in München je in einem Konzert gesehen zu haben. Wahrscheinlich gab es nichts anderes im Fernsehen.

Wenn man so befragt wird, fällt einem natürlich in erster Linie ein, was man ihn nicht gefragt hat, und nicht, worüber man so geredet hat. Sondern: Was hat man versäumt?

Und was haben Sie versäumt, ihn zu fragen?

PvS: Vielleicht hätte ich mich mehr darüber erkundigen sollen, wie Carl Friedrich, sein Vater war. Am Anfang tut man das einfach nicht, dass man fragt: „Wie waren eigentlich Deine Eltern?“ Später ist das dann an und für sich nebensächlich. Ich habe ihn nie gefragt: „Wie hat es eigentlich Deine Schwester empfunden, als ihr Mann Ende des Krieges auf seinem Besitz in Tschechien totgeschlagen und in den Keller geschmissen wurde?“ Die sind dann geflüchtet … Das fragt man erst einmal nicht und dann kommt auch nie der Moment, in dem man es tut.

BvS: Das war überhaupt so eine Sache mit dem Onkel Ernst. Er war ja doch die Generation unserer Großeltern, kann man fast sagen. Da hatte man einfach viel mehr Respekt und eine viel größere Distanz. Unsere Kinder haben überhaupt keine Scheu, irgendetwas zu fragen, während meine Generation natürlich kaum wagte, irgendwas zu den 30er Jahren zu fragen. Man wusste, die Leute wollten nicht reden. Das macht es schon schwierig. Man hat auch nicht so viel Privates ausgebreitet. Wir sind ja die Vor-Facebook-Generation und das war natürlich noch einen Schritt zurück. Ich hätte nie gewagt, etwas Privates zu fragen, wenn es nicht von selbst kam. Vielleicht wirkte Onkel Ernst auch deshalb distanziert. Dazu kam, dass er Junggeselle war. Das ist natürlich ein riesen Unterschied – Ehefrauen reden immer mehr. Onkel Ernst wäre nie auf die Idee gekommen zu fragen: „Was machen Eure Kinder?“ – Etwas, das eine Frau immer fragen würde. Da fällt ein ganzes familiäres Feld weg. 

In einem Interview bezeichnet Ernst von Siemens die Musik als seinen Sandkasten …

PvS: Nein, den Spruch hat mein Vater erfunden. „Der Onkel Ernst und seine Sandkiste.“

Und noch ein Zitat wurde uns zugetragen: „Pass mir auf meine Stiftungen auf!“

PvS: Ja, das hat er mir ein paar Mal gesagt …

… er hat mit Ihnen also auch über die Stiftungen gesprochen?

PvS: Ja, wir haben oft über die Stiftungen gesprochen. Und da hat er zwischendurch immer wieder gesagt „Pass mir auf!“

Das wollte heißen?

PvS: Tja, dass ich drauf aufpassen sollte. Wobei Sie natürlich nur aufpassen können, wenn Sie sich einmengen oder sich einmengen müssen, weil sie in irgendwelchen Stiftungsräten sind. Ich würde das aber auch nicht überbewerten, das hat sich halt so ergeben – wobei ich vielleicht in mehr Stiftungen bin als andere Familienmitglieder. Es gibt bei der Ernst von Siemens Musikstiftung ja einen Stiftungsrat. Aber man muss natürlich schon aufpassen, dass das nicht missbraucht wird, dass jemand in erster Linie sich herausstellt oder auch den Stifter herausstellt, auch das wäre nicht richtig. Deshalb hat der Onkel Ernst das nicht gemacht, sondern es soll ja eine Förderung sein und es geht um das Objekt, das gefördert wird. Es geht nicht darum, dass jemand etwas gegeben hat und wie toll das ist – obwohl es sicher toll ist.

Wie haben Sie denn für sich dieses „auf die Stiftung aufpassen“ verstanden?

PvS: Sehen Sie, wenn Sie in eine Stiftung reingehen, dann haben Sie eine Aufgabe und die müssen Sie dann wahrnehmen. Unabhängig davon, ob Sie manche Sachen besonders schön finden. Sie müssen darauf aufpassen, dass der Stiftungszweck erfüllt wird. Und damit ist natürlich sehr vieles verbunden. Aber eines ist nicht damit verbunden, nämlich, dass man sich einmischt und mit der Preisvergabe etwas zu tun hat. Das hat der Onkel Ernst nicht gemacht und andere auch nicht.

Wie würden Sie denn Ihr ganz persönliches Verhältnis zur Ernst von Siemens Musikstiftung bezeichnen?

BvS: Ich finde sie per se schon mal toll, weil ich Stiftungen einfach gern mag. Jeder hat doch ein Anliegen, das ihn sehr beschäftigt und wenn man die Möglichkeit hat, sich einzubringen und etwas Gutes zu tun, ist das eine gute Sache. Und bei der Ernst von Siemens Musikstiftung finde ich schon das ganze Umfeld sehr interessant. Es sind tolle Leute im Kuratorium und es macht einfach wahnsinnigen Spaß, diese Leute kennenzulernen. Für mich persönlich ist das eine unglaubliche Bereicherung, weil ich zu solchen Menschen sonst gar nicht kommen würde und das finde ich einfach toll. Auch, dass man dazu beitragen kann, dass solche Abende oder Mittagessen im Rahmen der Preisverleihung auch gelingen. Ich finde es ganz toll, wenn man sieht, wie die Förderung den jungen Komponisten eine unglaubliche Starthilfe gibt. Man muss bedenken, dass die sich dann wirklich ein, zwei Jahre nicht überlegen müssen, wie sie ihre Wohnung bezahlen oder wo sie ihre Brötchen herbekommen. Und es sind ja auch immer wieder junge Talente darunter, die dann wirklich ganz groß geworden sind. Ich weiß gar nicht, wie bewusst dem Onkel Ernst das immer war. Wenn man selbst Kinder hat, die zum Teil freiberuflich oder im Künstlerischen tätig sind, dann weiß man, wie schwer so ein Leben manchmal ist …

PvS: Wobei es bei jeder Preisverleihung eine Sache gibt, die mich so unglaublich ärgert, dass ich da wahrscheinlich sowieso nicht mehr hingehe. Das ist, wenn die Preisträger, die sicher tolle Musiker sind und sich jede einzelne Note merken können, sich nicht merken können, dass das der Ernst von Siemens Musikpreis ist. Der Ernst von Siemens Musikpreis hat an sich mit der Firma überhaupt nichts zu tun. Da könnte ich jedes Mal hochgehen.

Sie kennen die Stifterabsicht besser als die meisten Menschen. Wie würden Sie denn vor diesem Hintergrund die Entwicklung der Stiftung bewerten?

PvS: Ich bin kein Fachmann. Aber mir ist nicht aufgefallen, dass da irgendetwas geschehen wäre, was gegen das, was Onkel Ernst vorgegeben hat – auch wenn er wenig vorgegeben hat – gewesen wäre. Aber wenn man alles durchgeht, könnte es sein, dass man auf etwas kommt, wovon man sagt, da hätte er sich im Grab umgedreht.

BvS: Ich finde die Stiftung hat sich enorm gemacht von der sehr kleinen, feinen Preisverleihung, mit einem sehr enges Fachpublikum in der Akademie. Und dann hat  man die Lokalität gewechselt, ist mehr nach außen gegangen und inzwischen stellt der Preis ja wirklich was dar, während das am Anfang eine sehr exklusive Angelegenheit war. Ich finde das wirklich gut.

Was ist die Botschaft, die Ernst von Siemens mit seinem Stiftertum vermitteln wollte?

PvS: Ich glaube nicht, dass er irgendetwas vermitteln wollte, sondern der hat gesagt, bevor ich nicht weiß, wo das Vermögen landet … Ich glaube aber nicht, dass er gesagt hat, damit soll dies oder das vermittelt werden.

BvS: Ich glaube schon, dass Onkel Ernst ein gesellschaftspolitisches Denken hatte, sonst hätte er nicht die Ernst von Siemens Musikstiftung gemacht, sonst hätte er nicht die Carl Friedrich von Siemens Stiftung gemacht, sonst hätte er nicht die Freunde des Botanischen Garten gegründet. Ich glaube, er fühlte sich auch München und Bayern sehr verbunden und wollte hier schon seine Spuren hinterlassen. Nicht als eitler Mann – das gar nicht. Ich glaube aber schon, dass er ein bisschen weiter gedacht hat …