Hans Abrahamsen

In Hans Abrahamsens Musik schwingt westliche Musiktradition in all ihren Facetten mit, mit den uralten Volksweisen, der Natur, der lebenssprühenden Struktur des Klangs selbst, und doch besitzt sie die Frische des Unberührten – unberührt und dadurch auch wieder berührend. Wir finden uns in einer teils vertrauten Welt wieder. Bach und Ligeti sind noch fast in Sichtweite. Die Melodien kommen uns bekannt vor. Erinnerungen an Klang so klar wie Licht kommen auf. Und doch ist alles anders.

Kein Wunder, dass Abrahamsen so viel Schnee­musik komponiert hat, denn Schnee bildet auf uns bekannten Struk­tu­ren neue For­men und gibt uns so die Möglich­keit, neu zu beginnen. Ein solcher Neu­be­ginn ist Abrahamsen mehrfach gelungen, so auch in seinem Stück Schnee (2006-08), ge­schrie­ben für zwei Klaviere und Schlag­zeug und zwei ein­ander gegen­überstehende Trios, das zu Recht als einer der ersten Klassi­ker der Musik des 21. Jahr­hun­derts gilt. Sich all­mäh­lich, fast über eine ganze Stunde hinweg heraus­kristal­lisieren­de Kanons fungieren auch als musika­li­sche Porträts von Schnee, seinen Wirbeln, seiner Zartheit, seiner Kälte. Obwohl das Stück auf einer modalen Melodie basiert, bewegt es sich keines­falls nur in den üblichen Ton­schritten; vielmehr prägen ganz charak­teris­tische, während der Auf­füh­rung vor­genommene mikro­tonale Um­stimmun­gen entscheidend den Klang von Schnee, die Kontra­punk­tik wunder­schön verwischend, indem sie die Kanons immer wieder zwischen Klar­heit und Un­schärfe hin und her gleiten lassen.

Abrahamsen begann schon früh zu komponieren; seine ersten veröffentlichten Werke, die er mit sechzehn schrieb, zeigen sein Gespür für die Wiederentdeckung von Grundlegendem.

Abrahamsen begann schon früh zu komponieren; seine ersten veröffentlichten Werke, die er mit sechzehn schrieb, zeigen sein Gespür für die Wiederentdeckung von Grundlegendem. Schon mit dreißig konnte er auf ein umfangreiches Schaffen zurückblicken: mehrere Orchesterwerke (Nacht und Trompeten, ein leuchtendes, dramatisches Nachtstück, entstand als Kompositionsauftrag der Berliner Philharmoniker), zwei Streichquartette und zahlreiche andere, meist instrumentale Werke, darunter Winternacht, ein weiteres beeindruckendes Beispiel für winterlich inspirierte, poetische Musik.

1984 folgte eine Werkgruppe von sieben (später erweitert auf zehn) Klavierstudien, von denen einige in ihren furiosen Entwicklungsverläufen frappierend Ligetis ein Jahr darauf entstandene Klavieretüden vorwegnehmen. Ligeti, der kurzzeitig sein Lehrer war, war in Bezug auf musikalische Genauigkeit und Schönheit neben Steve Reich eines seiner ersten Vorbilder. Nun konnte Abrahamsen sich revanchieren und es eröffneten sich neue Möglichkeiten. Er arrangierte umgehend sechs seiner Studien, um sie Ligetis Horn-Trio bei dessen dänischer Erstaufführung zur Seite zu stellen (das Arrangement arbeitete er später um für Cello anstelle des Horns und betitelte es Traumlieder); außerdem komponierte er vier seiner Studien für großes Orchester um

Dies kam aller­dings erst zwanzig Jahre später. Denn wie sein komposi­to­ri­scher Weg nach den Klavier­studien weiter­gehen sollte, war erst einmal alles andere als klar; seine Pro­duk­tivi­tät ver­lang­sam­te sich und kam dann zum Still­stand. Zwischen­zeit­lich betätigte er sich als Arran­geur, vornehm­lich von Wer­ken von Bach und Carl Nielsen. Als eigene Kompo­sition unterbrach ledig­lich die kurze Rilke-Vertonung Herbstlied Abrahamsens Schwei­gen zwischen 1990 und 1998.

Nach­dem er sein eigenes krea­tives Schaffen mit einigen weiteren Klavier­studien wieder aufge­nommen hatte, schrieb er nach rund fünf­zehn Jahren erstmals wieder ein größe­res Werk, sein 2000 vollendetes Klavier­konzert. Nicht zum ersten Mal greift hier ein Neu­an­fang tief in Abrahamsens Ver­gangen­heit zurück – in den turbu­len­ten schrägen Ostinatos und den damit kontras­tierenden stillen Momen­ten der Klavier­studien, und in der Viel­schich­tig­keit von Form und Inhalt, die bis zu Winternacht und noch weiter zurück reicht. Das Konzert ist in seiner gleich­zeitig intimen wie dichten Gestal­tung absolut charakte­ristisch, dabei ebenso nah an Schumann wie an Strawinski.

Doch ist auch dieses ein Werk mit Eigencharakter,
mit Momenten wie hell aufblitzendem Feuerwerk
oder tröstlicher Umarmung.

Hans Abrahamsen: Let me tell you

Mikro­to­nale Stimmun­gen gibt es hier nicht, doch tauchen diese in Wald für fünfzehn Instru­men­ta­listen (2009) wieder auf, und ähnlich wie in Schnee finden wir hier gleich­zeitig Natur­beschrei­bung (hier von schattigen Wäl­dern), kultu­relle Ver­weise (auf Horn­signale, Jagden und dräuende Geheim­nisse) und sorg­fäl­tig gearbeitete musika­lische Struk­tur. Die Selbst­ähnlich­keit un­durch­dring­licher Wäl­der ist auf verschie­denen Ebenen reflek­tiert, von den eröffnenden Tremoli (Quarten, mikro­tonal und metrisch gegen­einander versetzt ge­spielt von zwei Geigen) bis hin zu der groß­ange­legten Varia­tions­form.

Die rätsel­haf­ten, doch fas­zinieren­den gegen­ein­ander ver­setz­ten Quarten zu Beginn von Wald kehren am Anfang des darauf folgenden Werks wieder, dem Doppelkonzert für Violine, Klavier und Streicher (2010-11). Auch Flocken gibt es, aus Schnee, etwa die frostig-berauschend klingenden Quasi-Unisoni zwischen hohem Klavier und Streicher­flageoletts, oder die tänzerischen Figuren der zwei schnellen Sätze. Doch ist auch dieses ein Werk mit Eigencharakter, mit Momenten wie hell aufblitzendem Feuerwerk oder tröstlicher Umarmung.

Jede Komposition steht neben den anderen wie ein

musikalisches Geschwisterkind – verwandt und doch individuell.

Jede Komposition steht neben den anderen wie ein musikalisches Geschwisterkind – verwandt und doch individuell. Abrahamsens Streich­quartett Nr. 4 (2012) beginnt in einer Gletscherwelt hoher Obertöne und mündet zum Ende hin mit seiner auf charak­teris­ti­sche Weise rhythmi­schen Komplexi­tät in einen unregel­mäßigen Tanz. Auch sein let me tell you (2013), ein Mono­drama für Sopran und Orches­ter, endet in einer Winter­land­schaft, doch das Be­merkens­wertes­te daran dürfte wohl die Neuer­fin­dung der Gesangs­melo­die mit ihrem äußerst leiden­schaft­lichen Aus­druck durch diesen Kompo­nisten sein, der bisher sehr wenig für Gesang geschrie­ben hat.

Sein Klavierkonzert für linke Hand Left, alone (2014–15) ist wieder eine Geschichte, ein Drama aus Konflikt, Einsamkeit und ge­mein­schaft­li­chem Hoch­gefühl, und beweist, dass er reif ist für seine nächste selbst gesetzte Heraus­forde­rung, nämlich eine Oper über ein zu ihm ganz besonders gut passendes Sujet: Hans Christian Andersens Die Schnee­königin.

 

© Paul Griffiths

Aus dem Englischen von Sebastian Viebahn

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