Musikpädagogik ist für Sir Simon von höchster Bedeutung und seine Partnerschaft mit den Berliner Philharmonikern hat mit dem Bildungsprogramm Zukunft@BPhil neue Wege beschritten und ihm den Comenius-Preis, den Schiller-Sonderpreis der Stadt Mannheim, die Goldene Kamera und die Urania-Medaille eingebracht. Auch wurden er und die Berliner Philharmoniker 2004 zu internationalen UNICEF-Botschaftern ernannt – das erste Mal, dass diese Ehrung einem künstlerischen Ensemble verliehen wurde. Sir Simon wurden auch mehrere prestigeträchtige persönliche Auszeichnungen verliehen, darunter ein Adelstitel im Jahr 1994, die Mitgliedschaft im Verdienstorden ihrer Majestät der Königin im Jahr 2014 und zuletzt 2018 die Freedom der City of London.

Ab 2013 nahm Sir Simon eine Residency bei den Osterfestspielen Baden-Baden mit der Zauberflöte und einer Konzertreihe mit den Berliner Philharmonikern auf. Seitdem führte die Partnerschaft zu Aufführungen von Puccinis Manon Lescaut, Peter Sellars’ Revival von Bachs Johannes-Passion, Strauss’ Der Rosenkavalier, Berlioz’ La Damnation de Faust, Wagners Tristan und Isolde und zuletzt Parsifal im Jahr 2018. Für die Salzburger Osterfestspiele dirigierte Rattle Bühnenproduktionen von Fidelio, Così fan tutte, Peter Grimes, Pelléas et Mélisande, Salome und Carmen, eine konzertante Aufführung von Idomeneo und viele kontrastreiche Konzertprogramme. Er dirigierte auch Wagners Ring des Nibelungen mit den Berliner Philharmonikern beim Festival von Aix-en-Provence und bei den Salzburger Osterfestspielen und zuletzt an der Deutschen Oper Berlin und der Wiener Staatsoper. Weitere neuere Opernproduktionen für Sir Simon sind Pelléas et Mélisande und Dialogues des Carmélites für das Royal Opera House; L‘Étoile, Aus einem Totenhaus, Katja Kabanowa und La Damnation de Faust für die Staatsoper Unter den Linden und Andrew Normans A Trip to the Moon im Barbican Centre London.

Sir Simon hat über 70 Aufnahmen für EMI (heute Warner Classics) gemacht und für seine Aufnahmen bei verschiedenen Labels zahlreiche renommierte internationale Auszeichnungen erhalten. Zu den Veröffentlichungen auf EMI gehören Strawinskys Symphonie der Psalmen (die 2009 mit dem Grammy für die beste Choraufführung ausgezeichnet wurde), Berlioz’ Symphonie Fantastique, Ravels L’Enfant et les Sortilèges, Tschaikowskys Nussknacker-Suite, Mahlers Symphonie Nr. 2 und Strawinskys Le Sacre du Printemps. Ab 2014 führte Sir Simon sein Aufnahmenportfolio mit dem neuen hauseigenen Label der Berliner Philharmoniker, Berliner Philhar-moniker Recordings, weiter, was zu Aufnahmen der Beethoven-, Schumann- und Sibelius-Sinfonie-Zyklen führte. Zu den jüngsten Aufnahmen von Sir Simon gehören Debussys Pelléas et Mélisande, Turnages Remembering und Ravel, Dutilleux und Delage auf Blue-Ray und DVD mit dem Plattenlabel des London Symphony Orchestra, LSO Live.

Sir Simon Rattle wurde in Liverpool geboren und studierte an der Royal Academy of Music in London.

Von 1980 bis 1998 war Sir Simon Chefdirigent und künstlerischer Berater des City of Birmingham Symphony Orchestra und wurde 1990 zum Chefdirigenten ernannt. 2002 zog er nach Berlin und bekleidete die Position des künstlerischen Leiters und Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker, bis er 2018 dieses Amt niederlegte. Sir Simon wurde im September 2017 Chefdirigent des London Symphony Orchestra und verbrachte die Saison 2017/18 an der Spitze der beiden Ensembles.

Sind Sie selbst eigentlich ein Mensch, der sich manchmal zur Melancholie hingezogen fühlt? Das ist ja ein Zustand, der auch in der Geschichte immer gerne dem Künstlertypus zugeschrieben wird.

Rattle: Ach, etwas Dunkles haben wir doch alle, aber ich bin, wie meine Familie versichern würde, geradezu manisch optimistisch. Aber schon so, dass es auch auf die Nerven gehen kann. (lacht)

Das ist auch ein gutes Stichwort zu dem Thema, das wir natürlich unbedingt auch kurz streifen müssen: der Brexit. Wie optimistisch sind Sie da in Bezug auf die tägliche Arbeit mit dem LSO?

Rattle: Einfacher macht es die Dinge bestimmt nicht, soviel ist sicher. Von den Künstlern mit Tournee-Engagements im Ausland, die ich kenne, unterstützt fast niemand den Brexit. Er macht einfach keinen Sinn, so wie wir in Europa – in ganz Europa – leben und atmen und arbeiten, und das LSO ist ja ein sehr gemischtes Orchester. Um ein Beispiel in Bezug auf unser Konzert anzuführen: Wir spielen am Abend zuvor Konzert in London. Wir wissen aber nicht, ob wir ein Carnet, also einen Pass, für die Instrumente brauchen, wie wenn wir beispielsweise in die Schweiz reisen würden. Niemand kann uns etwas darüber sagen, weil niemand irgendeine Art von Antwort für irgendetwas hat, das mit Reisen oder Handel zu tun hat.

Hätten Sie sich in Sachen LSO eigentlich anders entschieden, wenn Sie das vorher gewusst hätten, also wenn der Brexit schon entschieden gewesen wäre?

Rattle: 

Rattle: Gute Frage. Ich habe tatsächlich nur wenige Monate vor dem Brexit-Referendum in London unterschrieben. Am liebsten stelle ich mir vor, es hätte mir nicht zu denken gegeben, weil die Arbeit mit dem Orchester etwas so Wichtiges und so Positives ist ... jedenfalls musste ich es damals nicht entscheiden. Wir haben aber sehr wohl festgestellt, dass sich weniger Leute aus Europa um ein Vorspiel beim Orchester bewerben. Das ist Fakt, und ich kann es verstehen, weil einfach niemand weiß, wie die Situation sein wird, und wie leicht man Genehmigungen, Visa etc. bekommen wird. Wir werden sehen …

Übersetzung von Simon Rattles Antworten aus dem Englischen: Sebastian Viebahn

„Ach, etwas Dunkles haben wir doch alle, aber ich bin, wie meine Familie versichern würde, geradezu manisch optimistisch. Aber schon so, dass es auch auf die Nerven gehen kann.“

Sir Simon Rattle

Warum meinen Sie, dass das LSO für dieses Programm – ein britisch-amerikanisches mit Werken von Birtwistle, Turnage und Adams – besonders geeignet ist? Kann es das vielleicht sogar „besser“ spielen als ein deutscher Klangkörper?

Rattle: Weil es einfach anders ist. Das Rhythmusgefühl ist interessanterweise unterschiedlich – das hat mich fasziniert, als ich aus England beziehungsweise Amerika nach Mitteleuropa kam. In einem Programm wie diesem ist ein Orchester, für das Rhythmus die Basis von allem ist, von unschätzbarem Wert. Beim LSO müssen wir vielleicht manchmal härter an den unterschiedlichen Klangqualitäten arbeiten, grundsätzlich an der Farbe. Aber die Präzision und rhythmische Kompetenz des Orchesters ist unglaublich. John Adams hat eine lange Beziehung zum LSO und dirigiert es recht häufig, sodass für das LSO Stücke wie die Harmonielehre fast schon Repertoire sind. Anders dagegen bei Birtwistle: Seine Musik hat das LSO bisher eher selten gespielt. Aber wir haben jetzt viel von unserer Arbeit in Birtwistle investiert. Er ist unser womöglich originellster Komponist, der wirklich wie niemand sonst komponiert.

Können Sie uns das genauer beschreiben?

Rattle: Von Harry hatte ich schon immer den Eindruck, dass er wie jemand ist, der sozusagen Trockenmauern aus Feldstein erbaut, wie sie typisch sind für die Landschaft in England. Zwischen den Steinen ist nichts. Es gibt alle möglichen Arten von Steinen in verschiedenen Formen und Größen, die irgendwie zusammenpassen müssen. Und daraus baut er diese außergewöhnlichen, kristallgleichen Oberflächen auf, die er zusam-menfügt und so einen Charakter und Klang erschafft wie kein -anderer. Rhythmisch ist es natürlich immer extrem komplex, selbst in einem langen und melancholischen Nachtstück wie The Shadow of Night. Sie haben das Werk von Birtwistle angesprochen – bleiben wir noch kurz dabei. Es bezieht sich auf das berühmte Werk Melencolia von Albrecht Dürer. Insgesamt ist es ein Programm mit einem mystisch-, philosophisch- grundsätzlich intellektuellen Unterbau und erfüllt damit das Klischee, zeitgenössische Musik sei zu „verkopft“ und schwer zugänglich.

Kann man dieses Programm denn hören, ohne sich intensiv vorzubereiten?

Rattle: Auf jeden Fall – für mich ist die beste zeitgenössische Musik auch immer zutiefst emotional. Das trifft für mich auch auf Lachenmanns Stück für acht Hörner zu, das im vergangenen Jahr bei der musica viva zu hören war und das wir kürzlich in Berlin gespielt haben. Mark-Anthony Turnages Stück ist wie ein Schrei der Wut und Trauer über den Tod seines heroinabhängigen Bruders, aber selbst wenn man das nicht weiß, besitzt das Stück noch eine enorm tiefgehende emotionale Energie. Ein Schrei eben, der direkt in die Magengrube fährt. Harrys Stück ist, wenn man die Epoche und die Musik von John Dowland im Auge behält, die darin eingebettet ist, nicht nur Melancholie, sondern es ist wirklich die Schilderung einer Depression. Aber so schön gemacht, dass es fast schon zu einer verführerischen Vorstellung gerät. John Adams wiederum ist da das absolute Gegenteil. Er ist eher einer der unmelancholischsten Menschen, die man sich vorstellen kann. Harmonielehre ist eines seiner frühesten großen Stücke mit dieser wundervollen, auch etwas ironischen Referenz an Schönberg. Und bei dem Werk hört man auch, wie ausdrucksstark und extrem romantisch John schreiben kann, trotz oder eben durch Verwendung teilweise repetitiver Momente. Ich glaube daher, dass man nach der ersten Hälfte mit so viel Dunklem dieses Licht von Johns Musik braucht.

„Für mich ist die beste zeitgenössische Musik auch immer zutiefst emotional. Das trifft für mich auch auf Lachenmanns Stück für acht Hörner zu, das im vergangenen Jahr bei der musica viva zu hören war und das wir kürzlich in Berlin gespielt haben.“

Sir Simon Rattle

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