Sir Simon Rattle wurde in Liverpool geboren und studierte an der Royal Academy of Music in London.

Von 1980 bis 1998 war Sir Simon Chefdirigent und künstlerischer Berater des City of Birmingham Symphony Orchestra und wurde 1990 zum Chefdirigenten ernannt. 2002 zog er nach Berlin und bekleidete die Position des künstlerischen Leiters und Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker, bis er 2018 dieses Amt niederlegte. Sir Simon wurde im September 2017 Chefdirigent des London Symphony Orchestra und verbrachte die Saison 2017/18 an der Spitze der beiden Ensembles.

Sind Sie selbst eigentlich ein Mensch, der sich manchmal zur Melancholie hingezogen fühlt? Das ist ja ein Zustand, der auch in der Geschichte immer gerne dem Künstlertypus zugeschrieben wird.

Rattle: Ach, etwas Dunkles haben wir doch alle, aber ich bin, wie meine Familie versichern würde, geradezu manisch optimistisch. Aber schon so, dass es auch auf die Nerven gehen kann. (lacht)

Das ist auch ein gutes Stichwort zu dem Thema, das wir natürlich unbedingt auch kurz streifen müssen: der Brexit. Wie optimistisch sind Sie da in Bezug auf die tägliche Arbeit mit dem LSO?

Rattle: Einfacher macht es die Dinge bestimmt nicht, soviel ist sicher. Von den Künstlern mit Tournee-Engagements im Ausland, die ich kenne, unterstützt fast niemand den Brexit. Er macht einfach keinen Sinn, so wie wir in Europa – in ganz Europa – leben und atmen und arbeiten, und das LSO ist ja ein sehr gemischtes Orchester. Um ein Beispiel in Bezug auf unser Konzert anzuführen: Wir spielen am Abend zuvor Konzert in London. Wir wissen aber nicht, ob wir ein Carnet, also einen Pass, für die Instrumente brauchen, wie wenn wir beispielsweise in die Schweiz reisen würden. Niemand kann uns etwas darüber sagen, weil niemand irgendeine Art von Antwort für irgendetwas hat, das mit Reisen oder Handel zu tun hat.

Hätten Sie sich in Sachen LSO eigentlich anders entschieden, wenn Sie das vorher gewusst hätten, also wenn der Brexit schon entschieden gewesen wäre?

Rattle: 

Rattle: Gute Frage. Ich habe tatsächlich nur wenige Monate vor dem Brexit-Referendum in London unterschrieben. Am liebsten stelle ich mir vor, es hätte mir nicht zu denken gegeben, weil die Arbeit mit dem Orchester etwas so Wichtiges und so Positives ist ... jedenfalls musste ich es damals nicht entscheiden. Wir haben aber sehr wohl festgestellt, dass sich weniger Leute aus Europa um ein Vorspiel beim Orchester bewerben. Das ist Fakt, und ich kann es verstehen, weil einfach niemand weiß, wie die Situation sein wird, und wie leicht man Genehmigungen, Visa etc. bekommen wird. Wir werden sehen …

Übersetzung von Simon Rattles Antworten aus dem Englischen: Sebastian Viebahn

„Ach, etwas Dunkles haben wir doch alle, aber ich bin, wie meine Familie versichern würde, geradezu manisch optimistisch. Aber schon so, dass es auch auf die Nerven gehen kann.“

Sir Simon Rattle

Warum meinen Sie, dass das LSO für dieses Programm – ein britisch-amerikanisches mit Werken von Birtwistle, Turnage und Adams – besonders geeignet ist? Kann es das vielleicht sogar „besser“ spielen als ein deutscher Klangkörper?

Rattle: Weil es einfach anders ist. Das Rhythmusgefühl ist interessanterweise unterschiedlich – das hat mich fasziniert, als ich aus England beziehungsweise Amerika nach Mitteleuropa kam. In einem Programm wie diesem ist ein Orchester, für das Rhythmus die Basis von allem ist, von unschätzbarem Wert. Beim LSO müssen wir vielleicht manchmal härter an den unterschiedlichen Klangqualitäten arbeiten, grundsätzlich an der Farbe. Aber die Präzision und rhythmische Kompetenz des Orchesters ist unglaublich. John Adams hat eine lange Beziehung zum LSO und dirigiert es recht häufig, sodass für das LSO Stücke wie die Harmonielehre fast schon Repertoire sind. Anders dagegen bei Birtwistle: Seine Musik hat das LSO bisher eher selten gespielt. Aber wir haben jetzt viel von unserer Arbeit in Birtwistle investiert. Er ist unser womöglich originellster Komponist, der wirklich wie niemand sonst komponiert.

Können Sie uns das genauer beschreiben?

Rattle: Von Harry hatte ich schon immer den Eindruck, dass er wie jemand ist, der sozusagen Trockenmauern aus Feldstein erbaut, wie sie typisch sind für die Landschaft in England. Zwischen den Steinen ist nichts. Es gibt alle möglichen Arten von Steinen in verschiedenen Formen und Größen, die irgendwie zusammenpassen müssen. Und daraus baut er diese außergewöhnlichen, kristallgleichen Oberflächen auf, die er zusam-menfügt und so einen Charakter und Klang erschafft wie kein -anderer. Rhythmisch ist es natürlich immer extrem komplex, selbst in einem langen und melancholischen Nachtstück wie The Shadow of Night. Sie haben das Werk von Birtwistle angesprochen – bleiben wir noch kurz dabei. Es bezieht sich auf das berühmte Werk Melencolia von Albrecht Dürer. Insgesamt ist es ein Programm mit einem mystisch-, philosophisch- grundsätzlich intellektuellen Unterbau und erfüllt damit das Klischee, zeitgenössische Musik sei zu „verkopft“ und schwer zugänglich.

Kann man dieses Programm denn hören, ohne sich intensiv vorzubereiten?

Rattle: Auf jeden Fall – für mich ist die beste zeitgenössische Musik auch immer zutiefst emotional. Das trifft für mich auch auf Lachenmanns Stück für acht Hörner zu, das im vergangenen Jahr bei der musica viva zu hören war und das wir kürzlich in Berlin gespielt haben. Mark-Anthony Turnages Stück ist wie ein Schrei der Wut und Trauer über den Tod seines heroinabhängigen Bruders, aber selbst wenn man das nicht weiß, besitzt das Stück noch eine enorm tiefgehende emotionale Energie. Ein Schrei eben, der direkt in die Magengrube fährt. Harrys Stück ist, wenn man die Epoche und die Musik von John Dowland im Auge behält, die darin eingebettet ist, nicht nur Melancholie, sondern es ist wirklich die Schilderung einer Depression. Aber so schön gemacht, dass es fast schon zu einer verführerischen Vorstellung gerät. John Adams wiederum ist da das absolute Gegenteil. Er ist eher einer der unmelancholischsten Menschen, die man sich vorstellen kann. Harmonielehre ist eines seiner frühesten großen Stücke mit dieser wundervollen, auch etwas ironischen Referenz an Schönberg. Und bei dem Werk hört man auch, wie ausdrucksstark und extrem romantisch John schreiben kann, trotz oder eben durch Verwendung teilweise repetitiver Momente. Ich glaube daher, dass man nach der ersten Hälfte mit so viel Dunklem dieses Licht von Johns Musik braucht.

„Für mich ist die beste zeitgenössische Musik auch immer zutiefst emotional. Das trifft für mich auch auf Lachenmanns Stück für acht Hörner zu, das im vergangenen Jahr bei der musica viva zu hören war und das wir kürzlich in Berlin gespielt haben.“

Sir Simon Rattle

Sir Simon, Sie haben einmal gesagt, dass der Chefposten beim London Symphonie Orchestra (LSO) jenes „berühmte Angebot“ war, das man nicht ablehnen konnte. Warum?

Simon Rattle: Es ist ein Orchester, das ich schon mein ganzes Leben lang höre. Aber obwohl ich es schon früh in meiner Laufbahn ein paar Mal dirigiert habe, hatten wir bis vor zehn Jahren kein wirklich enges Verhältnis. Als ich die Musiker dann näher kennenlernte, merkte ich, dass sie außerdem nicht nur extrem flexibel sind, sondern auch sehr neugierig, aufgeschlossen. Und obwohl sie auf eine außergewöhnliche Geschichte und eine großartige Tradition zurückblicken können, reden sie nicht allzu viel darüber.

Sie sprechen von der Flexibilität und allgemein von der Tradition – was genau macht denn das LSO so besonders?

Rattle: Für mich war es kurios zu erfahren, dass Arthur Nikisch zur selben Zeit Chefdirigent des London Symphony Orchestra und der Berliner Philharmoniker war. Soviel zur besonderen, eigenständigen Tradition (schmunzelt). Das Besondere hier in London ist vielleicht die Offenheit der Musiker: Sei es bei einem Stück, das gerade erst geschrieben worden ist oder bei Musik von Jean-Philippe Rameau – was sie übrigens noch nicht gespielt haben, bis ich es jetzt erst vorgeschlagen habe. Sie nehmen beides mit der gleichen Intensität in Angriff. Das ist das eine – aber dann ist da natürlich auch noch ein ganz persönlicher Bezug, in meine alte Heimat zurückzugehen, so problem­beladen sie jetzt gerade auch sein mag. Ein paar Leute kenne ich tatsächlich seit 50 Jahren, und vom Orchester so einige, wenn auch nicht viele, noch aus der Studienzeit. Andere sind Kinder alter Freunde von mir, es ist ja ein sehr junges Orchester. Grundsätzlich hat man hier das Gefühl, keine Grenzen nach oben zu kennen, nie verloren zu sein. Es ist einfach eine ganz besondere Reise, und auf unserem gemeinsamen Weg schon so bald in München bei der musica viva anzukommen und aufzutreten, ein Programm präsentieren zu können, das sonst wohl nie hier gespielt würde – das ist wirklich aufregend.

Johann Jahn, Redakteur beim Bayerischen Rundfunk,
im Gespräch mit Sir Simon Rattle

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